Die ZEITKOMPLEXITÄT

2018

Die Geschwindigkeit der Zeit ist immer gleich. Jedenfalls wurde das 1884 mit dem von Menschenhand gefertigten Nullmeridian markiert. Um sich dessen zu vergewissern, kann man diesen in Greenwich 8 – 18 Uhr besuchen. Dennoch erlebt jeder das Zeitverstreichen unterschiedlich.

Haare wachsen immerzu. Sogar nach dem Tod eines Menschen wachsen sie eine Zeit lang weiter.

Hühner, denen der Kopf abgehackt wurde, können auch noch einige Zeit ohne Kopf flattern und sich fortbewegen.

Haarwachstum variiert. Dichtes Haar steht für Attraktivität und Potenz. Jedenfalls erzählt dies das Samson und Delilah Gleichnis. Haarwuchsmittel sind hoch im Kurs. Mit Seminaren wie „Schneiden der Haare in der richtigen Mondphase“ lässt sich gut Geld verdienen. Dennoch bewahrt uns all dies nicht vor Situationen, die zum Haare raufen sind.

In der Videoinstallation Die Zeitkomplexität widmet sich die Künstlerin dem Zeitverlauf / dem Zeitverdrängen / der verstrickten Unendlichkeit / dem Wiederholen. So denkt sie mit Video über Kronos und Saturn, die Blaue Blume, die blauen Augen der Sumerer und verlorene Milchzähne nach und platziert diese neben Aufnahmen von Menschen in und vor Bars, die sich hinter ihren Haaren verstecken, während die psychedelisch anmutenden Ornamente aus Haaren ohne Unterlass zirkulieren.

Durch die Loops der unterschiedlich langen Videos und die Anordnung der Videoquellen verändert sich das Gesamtnarrativ kontinuierlich. Die Zeitkomplexität (die titelgebende große Projektion) wird sobald sie fertig produziert ist nicht länger als 24 h dauern. Es entscheidet sich jedoch immer wieder neu welche Kapitel gezeigt werden. xx zeigt den zweiten Zirkel nach dem von Lisa Biedlingmaier kuratierten 1. Zirkel im TAUT Kunstverein Wagenhalle, Stuttgart.

In dem Hörspiel „Abtrennen“, das ebenfalls Teil der Ausstellung ist, beschwört Anna Gohmert mit ihrer flüsternden Stimme den Abtrennungsvorgang, begleitet von einer Geräuschkulisse, die einem Friseurbesuch nahekommt.
Ein menschliches Haar kann ungefähr sechs Jahre alt werden und einen Meter lang. Nach dieser Zeit geht das Haar in eine Ruhepause über und löst sich aus der Kopfhaut heraus.

Warten ist nicht Anna Gohmerts: Sie legt selbst Hand an:

„Die Vergangenheit kann mich mal, ich schneide sie einfach ab.“